Der Klimaexperte Oliver Marchand sprach am Donnerstag über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels und wie damit umgegangen werden kann. Im Interview spannt er den Bogen von der ehemaligen Sowjetunion über die USA bis ins Engadin.

JON DUSCHLETTA
«Engadiner Post/Posta Ladina»: Oliver Marchand, Sie sagten am Donnerstag am UBS-Kundenanlass in Celerina, das Beste für das Klima wäre ein Wirtschafts-Crash. Wie ist das bitte zu verstehen?
Oliver Marchand: Nun, das beste Beispiel dafür ist der Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre. Russland verfolgt heute, so gesehen, keine Klimaziele. Das liegt daran, dass sie nach diesem Ereignis ihre Emissionen ganz automatisch extrem reduziert haben. Finanzkrisen haben ganz ähnliche Auswirkungen. Auch hier sieht man: Läuft der Wirtschaftsmotor schlecht, dann gehen die Emissionen zurück – und umgekehrt. Es ist ein Fakt: Wirtschaft braucht Energie und Energie stammt vielerorts immer noch aus Kohle. Und wo viel gebaut wird, steigen die Emissionen. Deshalb gibt es auch diesen starken Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Emissionen.

Von aussen betrachtet hat man aber trotzdem nicht das Gefühl, Russland sei, was den Klimaschutz angeht, ein sauberes.Land.
Tatsächlich sind aber in Russland die Emissionen nach dem Zerfall und der Schliessung vieler Fabriken extrem gesunken. Die Frage, ob ein Land in Bezug aufs Klima ein sauberes Land ist oder nicht, ist eine wahnsinnig schwierige. Deshalb waren auch die Verhandlungen zum Klimaabkommen so kompliziert. Da spielen viele Faktoren wie der Co2-Verbrauch pro Person mit, der historische CO2-Verbrauch oder auch die Entwicklung dieses Verbrauchs. Ganz grundsätzlich ist aber zu sagen, dass die westlichen Länder pro Kopf immer noch einen massiv höheren CO2-Ausstoss haben als Entwicklungsländer. Das kann man so natürlich nicht als sauber bezeichnen, auch wenn in den Industrieländern vermehrt erneuerbare Energien Verwendung finden.

Sie beschäftigen sich eingehend mit Klimaveränderungen. US-Präsident Donald Trump hat eben gesagt, er glaube nicht an solche Szenarien und schon gar nicht daran, dass der Mensch diese mitgestalte. Wie gross ist Ihre Ohnmacht?
Es ist ja fast schon amüsant. Viele Klimaspezialisten waren völlig entsetzt, als sie alleine schon von Trumps Plänen hörten. Als er dann tatsächlich im Rose Garden stand und den Austritt aus dem Klimaabkommen verkündete, war das eine Art Kulminationspunkt. Aber wir können auch beobachten, dass sich der Kurs der USA nicht so einfach, und schon gar nicht vom Präsidenten alleine, umbiegen lässt. Wir sehen immer noch Bundesstaaten, Politiker und Unternehmen, die stark darauf drängen, dass die Klimaziele der USA eingehalten werden. Jeden Tag die Anti-Klima-Nachrichten der Trump-Administration hören zu müssen, ist nicht schön. Man hat sich aber auch schon etwas daran gewöhnt, dass man das nicht allzu ernst nehmen darf.

In der Schweiz schraubt man im Kleinen an Emissionswerten, während in Kalifornien riesige Waldbrände wüten. Ist das nicht frustrierend?
In Sachen Klimaziele sind wir weder in der Welt noch in der Europäischen Union noch in der Schweiz auf Kurs. Das kann auf manche Leute durchaus lähmend wirken. Ich lasse mich davon aber nicht entmutigen und sage mir, ich leiste mit viel Elan und Begeisterung meinen Beitrag, heute wie auch in Zukunft. Das ist das Einzige, was ich tun kann. Natürlich haben solch grosse Waldbrände Auswirkungen aufs Klima, aber das sind nicht die ganz grossen Emissionen. Ich mache mir eher Sorgen um die wirtschaftlichen und privaten Folgen aus der weltweiten Zunahme und der Verschärfung extremer Wettersituationen.

Lassen sich Klima- und Wirtschaftsentwicklungen übereinanderlegen, und wie würde ein solches Diagramm aussehen?
In unserer Firma Carbon Delta machen wir genau das und untersuchen diesen Zusammenhang. In unseren Analysen sehen wir ganz klar den negativen Einfluss grosser Firmen mit grossen Emissionen aufs Klima, beispielsweise Kohlekraftwerke. Und auch, dass solche Firmen deswegen grosse Kursverluste hinnehmen müssen. Andererseits profitieren Unternehmen, die auf erneuerbare Energien setzen und neue, innovative Produkte und Technologien anbieten, indem sie bessere Renditen abwerfen.

Ihr Input-Referat trug den Titel «Klimawandel im Engadin». Was empfehlen Sie der Region in dieser Hinsicht?
Ich bin kein Tourismusexperte, weswegen ich keine konkreten Massnahmen empfehlen kann. Aber das Engadin ist sicher gut beraten, im Hinblick auf den Ausbau von Skigebieten vermehrt Klimastudien anzuschauen und die langfristigen Szenarien sehr gut zu überlegen. Das heisst auch, das Engadin sollte sich überlegen, wie der Sommertourismus gestärkt werden und als Zukunftschance genutzt werden kann. Ich habe oft erlebt, dass Investoren, die Gelder in Skigebiete investiert haben, etwas ratlos den Kopf in den Sand stecken. Das ist aber die falsche Strategie.

Und welche Strategie wäre die richtige?
Wir haben in der Schweiz mit die weltbesten Klimaforscher und auch die technische Basis. Ich empfehle ganz allgemein, in wichtige, zukünftige Entscheide den Klimawandel ganz stark mit einzubeziehen. Das gilt auch für zukünftige Investitionen in neue Produkte oder Infrastrukturen durch Private, durch Unternehmen oder auch durch die öffentliche Hand. Das Engadin ist von den Erwärmungsraten im Alpenraum besonders stark betroffen.

Heisst das, wie andernorts schon geschehen, dass Skigebiete auf Höhenlagen um 1000 Meter über Meer den Winter als Einnahmequelle verlieren?
Genau. Aus dem Gefühl heraus würde ich niedrig gelegenen Skigebieten deshalb auch raten, lieber früher aufzugeben als später, so viel Wasser zu sparen und solche Gebiete – gerade in Bezug auf langfristige Trends in Sachen Schneesicherheit – nicht weiter aufzurüsten. Klüger wäre es, auf moderne Sommersportarten wie Wandern oder Biken zu setzen.


Der Fachreferent Oliver Marchand (links) und Gastgeber und Leiter der UBS St. Moritz Robert Allensbach im Gespräch. Foto: Jon Duschletta

Der Klimawandel trifft das Engadin besonders hart

Die Folgen des Klimawandels sind vorab im Alpenraum spürbar. Zu diesem Schluss kam der Klimaexperte Oliver Marchand in einem Fachreferat. Trotz akuten Gefahren und grossen Herausforderungen sieht er im Wandel auch Chancen, nicht zuletzt für Wirtschaft und Investoren.

Die messbaren Fakten sprechen eine klare Sprache: Während sich global gesehen die Temperaturen in den letzten 100 Jahren um rund ein Grad Celsius erhöht haben, beträgt dieser Wert in Alpenregionen wie dem Engadin bereits das Doppelte. Der Klimaexperte Oliver Marchand (siehe Interview auf dieser Seite) referierte am Donnerstagabend in Celerina im Rahmen der jährlichen Kundenveran – staltung der UBS Bank zur heiklen Frage «In das Klima investieren?» Ja, das lohne sich durchaus, gab er zur Antwort und zeigte auf, dass klimabelastende Unternehmen an der Börse Einbussen hinnehmen müssten, klimafördernde Unternehmungen oder Unternehmungen, die nachhaltige Produkte und Dienstleistungen anböten, hingegen Gewinne und besseren Renditen erzielen würden.

Klimawandel nutzen
Mit seinem Start-up-Unternehmen Carbon Delta erstellen Marchand und seine 20 Mitarbeiter Analysen und Einstu – fungen zu anfallenden Kosten aus Klimaveränderungen für Unternehmen und Branchen. Was kompliziert tönt, ist simpel ausgedrückt die Kunst, den drohenden Folgen des Klimawandels Positives abzugewinnen. Der Ansatz von Carbon Delta basiert dabei auf der Analyse der Einflüsse des Klimawandels und der Bewertung der finanztechnischen Anlagen. Wer die langfristigen Risiken des Klimawandels richtig einschätze, seine Investitionen oder Anlagen klimagerecht tätige respektive anlege, der könne langfristig davon profitieren. «Dieser Trend wird sich in den nächsten 20 Jahren noch verstärken», so Oliver Marchand. Wie wichtig ein derartiges Umdenken sei, belegte er mit der Eingangs erwähnten Veränderung der Aussentemperatur. Aber auch mit dem Hinweis, dass gerade in höher gelegenen Talschaften wie dem Engadin, die Schneesicherheit messbar und markant abnehme und dies auf lange Sicht grosse, wirtschaftliche Folgen mit sich bringe.
Der Anteil der Gebiete, auf die wenig oder kein Schneefall niedergeht, ist in der Schweiz alleine zwischen 1995 und 2005 von 36 auf 44 Prozent angestiegen. Damit einhergehend hat in den letzten Jahrzehnten eine markante Abnahme der schneesicheren Gebiete stattge – funden und dazu geführt, dass in den letzten 23 Jahren einstige Skigebiete in der Fläche von rund 500 km2 verschwunden sind. Zudem hat die Anzahl Tage mit Neuschneefall laut Marchand abgenommen und das über alle Höhenlagen, dazu würden jährlich 20 bis sogar 50 Frosttage fehlen.
Zugenommen hätten dagegen die Sommertage. Diese hätten sich im Jahresverlauf und je nach Region verdoppelt bis verdreifacht. Die Auswirkungen auf kleinere Gletscher sind bekannt und unaufhaltsam, und die Tendenz zu immer mehr und extre – meren Starkniederschlägen nähme deutlich zu. All diese Klimafolgen würden auch im Engadin die Lebensräume nachhaltig verändern und damit ganz direkt auf den Menschen einwirken, so Marchand sinngemäss.

Klimakiller Cheeseburger
Zum Abschluss seines Fachreferats hat Oliver Marchand aufgezeigt, welche Rolle die menschliche Ernährung in Bezug auf den Klimawandel spielt: «Rund neun Prozent der gesamten globalen Emissionen entstehen durch die Ernährung.» Gerade in diesem Bereich seien Regulierungen aber besonders schwierig, «man kann dem Menschen ja nicht vorschreiben, was er zu essen hat». Der Anteil der Treibhausgasemissionen verhält sich zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten im Verhältnis von zwei zu drei, und alleine ein Cheeseburger verursache 2,8 Kilogramm CO2. Im Vergleich dazu käme eine Portion Spaghetti Napoli auf gerade einmal 0,4 Kilogramm CO2. Dem Motto angepasst hatte die Küchen- Crew des Cresta Palace in Celerina um Chefkoch Rolf J. Schmitz auch den Apéro riche. So bekamen die Besucher Gelegenheit, vegane und nicht vegane Speisen direkt zu vergleichen.

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